Kostproben

In deinen Armen

in deinen Armen
fühle ich mich umfassend
gehalten
gelassen
gemeint

warm, rund und kraftvoll

etwas Weiches
rollt sich zusammen
in meinem Bauch

ein schöner Schwindel
breitet sich aus
in meinem Kopf
lässt Worte verfliegen
Fragen verdunsten

in deinen Armen
verlassen mich Zweifel
und alle bösen Geister

es juckt an meinen Lenden
dort wachsen mir Flügel

in deinen Armen
treibe ich Wurzeln
tief in die Erde hinein
und in den Himmel
Knospen und Kronen

ich ertrage mich
in deinen Armen
ich trage dich
in meinen Armen
für eine lange Zeit

Frag mich doch

frag mich doch
warum ich Blumen auf den Tisch gestellt habe
wie es mir in der Arbeit gegangen ist
warum ich den ganzen Tag schon singe

frag mich doch
wie der Streit mit den Nachbarn ausgegangen ist
von was ich gerade träume
warum ich so still bin

frag mich doch
wenn ich einmal nichts essen kann
von was mein neues Gedicht handelt
wofür ich dankbar bin und worauf stolz

frag mich doch
wie es mir geht

ich hätte vielleicht nicht auf alles Antworten
doch ich könnte viel leichter erzählen
denn ich wüsste
dass du ein Auge hast auf mich
dass du mich meinst
dass du mein Glück willst

ich würde mich aufmachen für dich
und vielleicht auch du dich für mich

 
Ich habe eine Schwäche

ich hab eine Schwäche
für deine Stärke
für dein Rückgrat
und deine Standfestigkeit

ich habe eine Stärke
für deine Schwäche
für deine lädierten Bandscheiben
und deine müden Füße

ich wachse an dem
was du mir entgegen setzt
ich berge mich in dem
was du mir entgegen bringst

ich werde schwach
bei Süßem und Saurem
ich werde stark
für und durch Dich

Wenn mich der Alltag zusammenstaucht

wenn mich der Alltag zusammenstaucht
wie ein von allen Seiten
angefahrenes Auto

wenn ich die Welt nicht
aus den Ohren schälen kann
mit ihrem betäubenden Lärm

nicht aus den Augen reiben
mit ihren zuckenden Bildern

wenn meine Seele nicht mehr nachkommt
überholt von aus dem Takt geratener Zeit
verdichtet zu Beton gemischt mit zu wenig Schlaf

dann steige ich aus

dann springe ich über den Zaun
in grüne Auen voller Quellen

dort wartet auf mich
ein reich gedeckter Tisch

es gibt einen Stammplatz für mich

ich warte
bis ich Dich erkennen kann
in all dem Licht

Du schenkst mir reinen Wein ein
und teilst Brot aus
das göttlich schmeckt
und alles was das Herz begehrt

ich bleibe
bis mich das Leben wieder hat

wenn alle Stricke reißen

wenn alle Stricke reißen
bleibt mir immer noch
mein Gott

dem ich es zutraue
auch aus zerrissenen Fasern
ein Netz zu flicken
das mich auffängt

wenn die Hoffnung
zwar zuletzt
aber dennoch stirbt

bleibt mir immer noch
mein Gott

von dem ich glaube
dass er meinen Schmerz
sieht, aushält und mitträgt

wenn es mir den Boden wegzieht
unter den Füßen
bleibt mir immer noch
mein Gott

von dem ich erbitte
dass er mir weiten Raum schenkt
in den er sich selbst hineinstellt
wie ein Leuchtturm
ein Berg
ein Engel
unverrückbar
unübersehbar

es bleibt mir immer noch
mein Gott
der mich im Leben hält

Kar-Tag

keine Worte
für meine Trauer

kein Lied
für meine Sehnsucht

keine Hand
für meinen Schmerz

wie soll ich mich aufrichten
da das Licht verschluckt wurde?

ich taste
nach einem ersten Wort

ich lausche
nach einem ersten Ton

ich strecke mich
nach Dir

(Das Gedicht „Kar-Tag“ ist erschienen unter „Warkentin, Heide: Zeit der Erwartung
Die schönsten Gebete und Segensworte für Schwangerschaft und Geburt“ im Claudius Verlag)

Klatsch-Mohn

mit Herzblut
ist diese Erde geschaffen

ein paar Tropfen davon
auf lebendigem Acker
wehen sommers im Wind

der Mohn klatscht Beifall

langstielige Ovationen
für ein Meisterwerk

In guter Hoffnung

in guter Hoffnung
auf ein neues Leben

das unseren Händen
neue Aufgaben
unseren Augen
neue Sichtweisen
unseren Ohren
neue Geschichten
schenken wird

in guter Hoffnung
auf ein neues Leben

das unsere Nächte verkürzen
unsere Pläne auf den Kopf
und unsere Nerven auf den Prüfstand
stellen wird

in guter Hoffnung
auf ein neues Leben

das bereits jetzt
unsere Freude vertieft
unsere Herzen verjüngt
unseren Träumen entspringt

in guter Hoffnung
auf dich
unser Kind

(Das Gedicht „In guter Hoffnung“ ist erschienen unter: „Warkentin, Heide: Zeit der Erwartung
Die schönsten Gebete und Segensworte für Schwangerschaft und Geburt“ im Claudius Verlag)

 
Ob der Fluss sich selber hört?

Ob der Fluss sich selber hört?
ob ihn Lärm und Dreck wohl stört?

Ob die Gräser sind gewahr,
dass sie gleichen wildem Haar?

Ob der Biene jeder Nektar
schmeckt auf jedem Wiesenhektar?

Ob das Meer aus Jadegrün
fühlt, dass wir´s mit Sehnsucht seh´n?

Ob der Sand erinnert leise
sich an seine lange Reise?

Ob der Berg weiß, dass er mal
hinterließ ein weites Tal?

Ob der Baum sich mächtig freut,
wenn ein Nest in ihm verweilt?

Ob die Amsel selbst verliebt
sich berauscht an ihrem Lied?

Ob die Schnecke denkt: „Wie langsam!“
Oder: „Langsamkeit ist handsam“?

Ob der Regen, wenn er fällt,
sieht, dass Leben er erhält?

Ob die Frühjahrsblüher jubeln,
wenn sie in das Licht eintrudeln?

Ob die Wolke, wie ein Drachen,
hört, wenn über sie wir lachen?

Ob der Mensch weiß, mit Verlaub,
dass er ist nur Sternenstaub?

Dornencorona

Ecce homines- seht her, die Menschheit!

Wie schwer sie gerade trägt
an der Dornenkrone

Zweige geflochten aus
Einsamkeit, Angst und Schmerz

Der Besuch bei den alten Eltern
das große Fest
der lange geplante Urlaub
abgesagt
die Sehnsucht nach Berührung
nach Gemeinschaft
ungestillt
das Auskommen
weggebrochen
das schnelle Sterben
ohne Abschied

Diese Dornenkrone
geht jedem an die Substanz
nicht wenigen an die Existenz
je ärmer desto eher

Doch ecce – siehe da!
Zwischen den Dornen der Krone
knospt es
schon treiben wilde, wundervolle Blüten
bald umranken sie den Reif

Allerorten sprießt die Menschlichkeit:
Nachbarn, die sich wahrnehmen
Fremde, die sich helfen
Kinder, die mit ihren Eltern spielen
Helfende, die wertgeschätzt werden

Entschleunigt das Handeln
überfällig die Pausen
neu entzündet die Sehnsucht
wieder entdeckt das Beten

Aufrecht könnten wir gehen
bekrönt mit Dornen und Blüten
Ostern entgegen und so
wie wir gemeint sind:

Ecce homo,
seht her, der Mensch

Miriam Falkenberg

 

*Alle Gedichte sind „Kostproben“ und unterstehen meiner Lizenz und dürfen nur mit meiner ausdrücklichen Genehmigung veröffentlicht und weiterverbreitet werden.